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   Torkelnde Greife
Wappentier. Etwa jeder dritte Seeadler stirbt an einer Bleivergiftung - die Debatte sorgt fĂŒr Unruhe unter der JĂ€gerschaft.

Von Frank Tausch,
SĂ€chsische Zeitung vom 20. Dezember 2005,
Foto: SZ/Wolfgang Wittchen (Kopie aus der SĂ€chsischen Zeitung)

Ruckartig wendet sich der Kopf. Die gelben Augen leuchten, als Mario Kunschmann die kleine Lederhaube lĂŒftet. Der Adler hĂŒpft ein StĂŒck auf der Faust des Mannes, er weitet die Schwingen, und der Falkner hat MĂŒhe, das imposante Tier auf dem ausgestreckten Arm im Gleichgewicht zu halten. Aber Kuntschmann ist ein erfahrener Falkner. Seit Anfang Juli ist der Seeadler bei ihm. Es ist ein Weibchen, vielleicht fĂŒnf Jahre alt., fast geschlechtsreif. Die Federn am Schwanz des Tieres sind bis auf einen kleinen Saum bereits weis, wie bei allen ausgewachsenen Seeadlern. diesen hier hat Kunschmann ein zweites Leben geschenkt, das der Adler gestern angetreten hat. Da hat Kunschmann ihn freigelassen.
Es war ein Segelflug vor ĂŒber einem halben Jahr, elegant, mĂ€chtig, der Wind rauschte an den Federn. Und dann plötzlich die Freileitung bei Trebendorf in der NĂ€he von Weißwasser. Ein Stromschlag, der Absturz. Ein JĂ€ger fand den Adler am Boden, unfĂ€hig zu fliegen, und brachte ihn in den Naturschutz-Tierpark Görlitz. Die Görlitzer kennen sich aus. 22 verletzte Seeadler kamen von 1998 bis 2002 hierher, 2003 waren es vier, im vorigen Jahr fĂŒnf, dieses Jahr drei. Das Adlerweibchen wurde nach Berlin gebracht. An der dortigen Freien UniversitĂ€t gibt es eine Klinik fĂŒr kleine Haustiere. Beim Röntgen stellten die Ärzte eine schwere FlĂŒgelverletzung fest. Der Görlitzer Zoodirektor Axel Gebauer vertraute das Tier Mario Kuntschmann an. Von dessen FĂ€higkeiten ist Gebauer ĂŒberzeugt. „Ein erstaunlicher Mann.“
Training fĂŒr die Wildnis
„Ich habe ihn geflogen“, sagte Kunschmann ĂŒber den Seeadler. Er hat das Tier trainiert, beinahe jeden Tag. Mitte des Jahres war der blonde JĂ€ger noch arbeitslos und hatte Zeit. Nun arbeitet er wieder als Fahrzeugausstatter. Er hat dem Adlerweibchen das Fliegen wieder beigebracht, nachdem die Verletzung geheilt war. Erst nur kleine StĂŒckchen von einer AnsitzkrĂŒcke aus. Dann immer weitere Strecken. Schließlich ist Kunschmann mit seinem weißen Ford Courier ĂŒber StoppelĂ€cker bei Deschka an der polnischen Grenze geprescht, das Fenster weit offen und, hat eine Attrappe gezogen. Er wollte den Adler nicht auf Menschen trainieren, wie seine Jagdfalken. Schließlich soll es ein Wildtier bleiben. Aber ohne Training wĂ€re das Tier verloren. Wilde Adler hĂ€tten das Weibchen attackiert, wenn sie nicht mithalten könnte im Kampf um Beute und Reviere. Immerhin kann der Greifvogel frei gelassen werden, sobald er wieder fliegen kann. Medikamente braucht er keine. Das Adlerweibchen leidet nicht an Symptomen, die nicht selten bei Deutschlands Wappenvogel beobachtet werden und deren Ursache mittlerweile bekannt ist: Bleivergiftung.
Der Görlitzer Naturschutz-Tierpark hat dieses Jahr begonnen, die Bleiwerte aufgefundener Adler testen zu lassen. Das Weibchen war sauber. Ein anderer hatte einen Wert von 0,36 ppm - ppm ist eine Maßeinheit und bedeutet parts per Million, Teilchen pro Million. 0,36 ppm bedeuten, dieser Adler ist mit Blei in BerĂŒhrung gekommen. Tierpark-Direktor Gebauer blĂ€ttert in seinen Unterlagen. Ein drittes Tier hatte 1,5 ppm und damit bereits eine akute Bleivergiftung. „Die Tiere sitzen am Boden, spreizen die FlĂŒgel, haben Gleichgewichtsprobleme und fliehen nicht. Sie haben KrĂ€mpfe, torkeln und schwanken“, sagt Gebauer. Der 50-JĂ€hrige erinnert sich an manchen Adler, der ihm gebracht wurde, apathisch und matt, aber ohne Ă€ußere AuffĂ€lligkeiten. „Wir wussten nicht, woran die Tiere litten. Bleivergiftung als Ursache ist hier zu Lande erst seit wenigen Jahren im GesprĂ€ch. Es gibt Medikamente, die das Blei im Blut binden. Damit kann man Adler manchmal retten.“ Aber auch nur, wenn sie zufĂ€llig und rechtzeitig im Tierpark landen.
Mit einem vergifteten Tier unter drei untersuchten Adlern liegt Gebauer zufĂ€llig nahe am Durchschnitt. Jeder vierte bis dritte Seeadler stirbt an Bleivergiftung. AussagekrĂ€ftiger sind Langzeituntersuchungen. Die sind noch rar, aber eindeutig. Die TierĂ€rztin Kerstin MĂŒller an der Freien UniversitĂ€t Berlin hat von 1998 bis zum Oktober 2005 genau 70 wilde Seeadler behandelt. 21 hatten Bleivergiftung. „Die meisten dieser Tiere sterben einen elenden Tod“, sagt Kerstin MĂŒller.
Der Freistaat Sachsen beteiligt sich am Adlerprojekt des Instituts fĂŒr Zoo- und Wildtierforschung Berlin zur Analyse von Todesursachen. „Bei fĂŒnf Exemplaren wurden Bleikonzentrationen festgestellt, die Bleivergiftung als Todesursache nahe legen“, teilt das Ministerium mit. Der Biologe Norbert Kenntner hat von 1997 bis heute 277 Organproben toter Seeadler am Forschungsinstitut fĂŒr Wildtierkunde der UniversitĂ€t Wien untersucht. Sein Ergebnis: 24 Prozent starben an Bleivergiftung. Doch wie kommen die Adler an das Metall? 
Das auch fĂŒr den Menschen gefĂ€hrliche Metall gelangt aus vielen Quellen in die Umwelt. Wasserrohre aus Blei werden ersetzt, bleifreies Benzin wurde eingefĂŒhrt. Die Industrie setzt bleihaltigen Staub frei, Angler bĂŒĂŸen Tonnen an Bleigewichten ein, die in Seen, FlĂŒssen und Teichen landen. Es gibt Zeitgenossen die meinen, Batterien in Wald und Feld entsorgen zu mĂŒssen. Die Adler aber holen sich ihre Vergiftung mit der Nahrung, behaupten Wissenschaftler: Wasservögel und Aas. Adler und JĂ€ger haben es auf die gleiche Beute abgesehen. auf Enten, auf FĂŒchse, auf WaschbĂ€ren oder WildgĂ€nse. Mitunter werden angeschossene Tiere wie Rehe oder Wildschweine nicht gefunden und verenden. Ein gefundenes Fressen fĂŒr Adler. Bei der Entenjagd werden Vögel nur flĂŒgellahm geschossen und entkommen dem JĂ€ger. Nicht dem Adler. Obendrein nehmen Enten beim GrĂŒndeln Bleischrot zusammen mit Steinen vom Teichgrund auf - gift fĂŒr die Verdauung. Weil Seeadler aber eine sehr aggressive MagensĂ€ure haben, die selbst Knochen auflösen muss, werden Partikel im Verdauungstrakt des Adlers schnell angegriffen. Das Gift aus Resten von Kugelmunition und Schrot gelangt ins Blut. „Eine Bleivergiftung nachzuweisen ist nicht schwer“, sagt Kerstin MĂŒller. Das gelöste Schwermetall wird in Organen und in Knochen jahrelang gespeichert. „Bei den nachgewiesenen Konzentrationen kommt nur metallisches Blei in Frage, kein bleihaltiger Staub oder Luft oder belastete Futtertiere“, ist sich die TierĂ€rztin sicher. „Es sind Kugelreste und Schrot, die die Adler aufnehmen.“ Auch Kenntner sagt, mittlerweile sind zweifelsfrei Munitionsreste identifiziert. So seien bei 24 toten Adlern Partikel sichergestellt worden. Die UniversitĂ€t Rostock konnte anhand von Zusatzstoffen sogar die Hersteller der Munition identifizieren. In drei Adlern waren Bleischrot, in 21 FĂ€llen Munitionsreste gefunden worden. „Die Jagd ist wahrscheinlich die Hauptquelle fĂŒr Bleivergiftungen“, teilt der Landesjagdverband Sachsen mit. Der Verband hat schon vor Jahren empfohlen, keinen Bleischrot mehr an flachen GewĂ€ssern einzusetzen. Andere LĂ€nder haben sogar gesetzliche Regelungen getroffen, von Schleswig-Holstein bis Baden-WĂŒrttemberg. Das sĂ€chsische Umwelt- und Landwirtschaftsministerium aber weicht aus. Da will man „Entwicklungen abschĂ€tzen“ und „gegebenenfalls Schutzmaßnahmen einleiten“.
Gut gemeinte Gabe
Der Deutsche Jagdschutzverband empfiehlt mittlerweile seinen Mitgliedern, Innereien von geschossenen Tieren zu vergraben. Mancher JÀger legt die GedÀrme extra aus - um den Seeadlern einen Gefallen zu tun. Nicht ahnend. welche Folgen das haben kann. Das Bundesland Brandenburg ist noch weiter gegangen: Dort ist bei der Jagd in landeseigenen Forsten bleihaltige Munition ganz verboten.
Deutschlands Wappenvogel geht es so gut wie lange nicht, argumentiert das Umweltministerium. Die vor kurzem noch vom Aussterben bedrohten Tiere haben sich wirklich gut erholt in den letzte Jahren - Blei hin oder her. „Die ganze Blei-Diskussion ist ĂŒbertrieben“, sagt auch Mario Kunschmann. Der Falkner jagt zwar nicht selbst mit einer Waffe und ist obendrein bekennender Adler-Fan - aber er weiß, dass weiter gejagt werden muss. Außer bei Schrot fehlt es an Alternativen fĂŒr die Vielfalt der Waffen. Aber die JĂ€ger horchen dennoch auf und verfolgen die Debatte. In der Lausitz wollen sie jetzt mit dem Görlitzer Tierpark-Direktor Axel Gebauer ins GesprĂ€ch kommen. Der freut sich darĂŒber. Und die TierĂ€rztin Kerstin MĂŒller meint gar, die JĂ€ger tĂ€ten sich einen Gefallen, wenn sie Alternativen einsetzen. Denn bei Untersuchungen zu Seeadlern wurde festgesellt, wie breit sich kleine Bleipartikel im Körper geschossener Tiere verteilen. Nun haben Menschen keine so aggressive MagensĂ€ure. Aber gesund, meint sie, seien diese Restchen auch nicht.

Seeadler, Fotos: F. Menzel und T. Lorenz

Seeadler können etwa 30 Jahre alt werden. Die etwas grĂ¶ĂŸeren Weibchen erreichen eine FlĂŒgelspannweite von 2,40 Meter. Die zirka fĂŒnf Kilogramm schweren Greife ziehen ein bis drei Junge groß. Das Jagdrevier eines Seeadlerpaares umfasst 20 bis 50 Quadratkilometer.
Im Sommer fressen Seeadler viel Fisch. Im Winter logischerweise nicht, sondern mehr WassergeflĂŒgel und Aas. Sie fangen sogar FĂŒchse. Adler töten nicht mit dem Schnabel, sondern mit den nadelspitzen FĂ€ngen, die etwas grĂ¶ĂŸer sind als eine MĂ€nnerhand.
In Deutschland leben etwa 400 Brutpaare des Seeadlers. Vor allem in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sind die Greifvögel beheimatet. In Sachsen leben etwa 60 Brutpaare. 1990 waren es noch weniger als 20.
Seeadler sind stark gefÀhrdet, noch vor wenigen Jahren war es aber

schlimmer um sie bestellt. Das Insektizid DDT, das in der DDR noch bis in die 80er Jahre eingesetzt wurde, ließ die Schalen der Eier brĂŒchig werden. Seit einigen Jahren erholt sich der Bestand.
Eine sehr hĂ€ufige Todesursache vor allem bei ausgewachsenen Adlern ist Bleivergiftung. Dazu gibt es mittlerweile auch Studien an Weißkopfseeadlern in den USA und Riesenseeadlern in Japan.
Andere Todesursachen sind Kollisionen mit WindrĂ€dern, Stromleitungen und Bahn-UnfĂ€lle. Die Adler fressen ĂŒberfahrene Tiere an Schienen und werden von ZĂŒgen erfasst. In der Lausitz gibt es UnfĂ€lle auf dem TruppenĂŒbungsplatz mit LenkdrĂ€hten von Raketengeschossen. Bei RevierkĂ€mpfen können sich Adler schwer verletzen.
Verschossen werden vor allem Bleischrot, Munition mit Bleikern oder Vollbleigeschosse. Waffen  und

Geschosse wurden seit Jahrhunderten optimiert - auf Bleibasis. Es gibt erste Alternativen. Bei Schrot zum Beispiel Weicheisenschrot. In den USA wird Tungsten eingesetzt, eine Metalllegierung mit guten Schusseigenschaften. Tungsten ist teuer, und es fehlen deutsche Zulassungen. Auch bei BĂŒchsenmunition gibt es ersten Bleiersatz, etwa Kupfer. Dessen Langzeitfolgen mĂŒssen erforscht werden.
Jede Munition ist nur fĂŒr bestimmte Kaliber, bestimmte Tiere oder bestimmte Jagdarten geeignet. Die Palette der Hersteller ist begrenzt und die Nachfrage nach bleifreien Geschossen nicht hoch. Ein Tier muss schnell und schmerzlos getötet werden - darauf muss Munition getestet werden. Außerdem ist zu klĂ€ren, welche Folgen Ersatzmetalle fĂŒr Mensch und Umwelt haben.