Fachgruppe Ornithologie Niesky

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Kraniche, aus den Überwinterungsgebieten zurĂŒck, warten an einem Teich in der Lausitz mit Enten und SchwĂ€nen darauf, dass Eis und Schnee aus den Brutrevieren verschwinden.

Milliarden im Anflug

Von Frank Tausch
SĂ€chsische Zeitung 23. MĂ€rz 2006 (Auszug); Fotos: SZ/Repro W. Wittchen und T. Lehmann

Zugvögel. Die ersten sind lĂ€ngs da und warten wie wir ungeduldig auf den FrĂŒhling. Kein Grund zur Panik vor der Vogelgrippe.
Das ZĂ€hlgebiet trĂ€gt die Nummer 1689042. Es ist das Teichgebiet Entenschenke im Örtchen Entenschenke bei Bautzen. Der Ort ist winzig, gerade mal ein paar HĂ€user, eine GaststĂ€tte namens EntenschĂ€nke und schon kommt das Ortsausgangsschild. In den letzten Tagen war einiges los im Teichgebiet. Als Mitte MĂ€rz in Sachsen die WasservogelzĂ€hlung anstand, da staunte Ornithologe Joachim Ulbricht nicht schlecht. Als er am Sonntag zum ZĂ€hlen ausgerĂŒckt war, da sah er in der Teichgruppe 120 Kraniche zusammen mit SchwĂ€nen, GraugĂ€nsen und Enten. Sie alle fanden sich mit Einbruch der DĂ€mmerung an einer eisfreien Stelle des Grenzteiches ein. Dort wo das Wasser einlĂ€uft, dort ist der Teich nicht gefroren. Der lange Winter setzt auch den Zugvögeln zu. Eigentlich wĂŒrden die Kraniche gleich Reviere besetzen und Brutvorbereitungen treffen. Aber bei all dem Schnee – da hocken die Vögel noch aufeinander. Doch Tag fĂŒr Tag und Paar fĂŒr Paar verschwinden sie vom Teich und suchen sich was Eigenes.
Mit Zeiss-Glas und ZĂ€hlbogen
Mitte Februar sind die ersten Kraniche in der Lausitz aufgetaucht. "Das ist spĂ€t", sagt Ornithologe Ulbricht, der auch Leiter der Vogelschutzwarte in Neschwitz ist. Normalerweise kommt der Gros der Kraniche in milden Wintern schon Anfang Februar. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Der lange und kalte Winter verzögert nicht nur die RĂŒckkehr der Zugvögel. In diesem Jahr werden sie auch nicht immer freudig zurĂŒckerwartet. Mitunter mischt sich Angst wegen der Vogelgrippe in die Vorfreude. Doch VogelschwĂ€rme als Todesschwadrone mit Virus im GepĂ€ck zu betrachten, ist blanker Unsinn. Ornithologe Ulbricht jedenfalls hĂ€lt nicht Ausschau nach Vogelgrippe. Es gibt auch noch was anderes als die Tierseuche, wenn von Zugvögeln die Rede ist: nĂ€mlich den FrĂŒhling.
Seit 1966 wird die WasservogelzĂ€hlung in Sachsen von ehrenamtlichen Ornithologen durchgefĂŒhrt, zeitgleich in 170 ZĂ€hlgebieten an allen grĂ¶ĂŸeren fließenden und stehenden GewĂ€ssern. Mit ZĂ€hlbögen und Zeiss-GlĂ€sern rĂŒcken die NaturschĂŒtzer dann aus. Mitte MĂ€rz sind viele Wasservögel schon wieder da. Die Kraniche zum Beispiel, die ĂŒberwiegend in Spanien und Frankreich ĂŒberwintern, oder die GraugĂ€nse. Ein Teil der sĂ€chsischen GraugĂ€nse bleibt auch im Winter hier, zumeist im Elbtal. Die Tiere stammen aus einem Projekt aus den 70er Jahren, als zur Bestandsmehrung HöckerschwĂ€nen in Sachsen GĂ€nseeier untergeschoben wurden. Doch die wilden GĂ€nse ziehen in den Mittelmeerraum und nach SĂŒdwesteuropa. Sie trudeln gar schon Ende Januar wieder in Sachsen ein, Mitte MĂ€rz beginnt mitunter das BrutgeschĂ€ft. Wer zeitig kommt, besetzt die besten Reviere. Der frĂŒhe Vogel fĂ€ngt den Wurm – lĂ€uft freilich wie in diesem Jahr auch Gefahr, plötzlich im Schnee zu sitzen. Die Vögel, die in SĂŒd- und Mitteleuropa ĂŒberwintern, pirschen sich an ihre Brutreviere heran, die ersten fliegen bei gĂŒnstiger Witterung schon ein. Schließt sich aber so ein Warmluft-Fenster, dann warten die SchwĂ€rme halt noch in sĂŒdlicheren Regionen ab. Stare etwa sind schon etliche da, aber bei weitem noch nicht alle, sagt Ornithologe Ulbricht. Genauso sieht es bei den Roten Milanen aus. Auch sie kommen aus SĂŒdwesteuropa, die ersten sind da, aber das Gros hat abgewartet. Bei milden Temperaturen in Mitteleuropa aber drĂ€ngt die Vogelschar massiv herein. Millionen sind es allein in Sachsen, immerhin sind etwa zwei Drittel der heimischen Brutvögel auch Zugvögel. Ulbricht hat die ersten Bachstelzen gesehen, Kiebitze sind aufgetaucht, in den letzten Tagen kamen ganze SchwĂ€rme von Feldlerchen aus dem Mittelmeerraum, und Fischadler und Graureiher, die kein Eis auf den Teichen mögen, kommen bald. Die Graureiher, die im Winter auf Feldern zwischen Riesa und der Lausitz bei der MĂ€usejagd zu sehen waren, stammen aus Skandinavien. Sie kehren in ihre nördlichen Brutgebiete zurĂŒck und machen Platz fĂŒr die einfliegenden sĂ€chsischen Graureiher. So herrscht eine ungeheure Dynamik. Beinahe stĂ€ndig ist eine Art unterwegs. Manche kommen erst Mitte Mai, andere sammeln sich schon im September zum Abflug.
Die Vögel, die in Afrika ĂŒberwintern kommen spĂ€ter. WĂ€hrend die Stare jetzt an Komposthaufen und FutterplĂ€tzen nach Fressbarem suchen, sind die Schwalben auf Insekten angewiesen. Der Zug der in Afrika ĂŒberwinternden Vögel hat sich auch trotz milder Winter in den vergangenen Jahren kaum verlagert – die aus Afrika kommenden Vögel können nicht flexibel reagieren auf milde Februartage. FĂŒnf Milliarden pendeln jĂ€hrlich zwischen Eurasien und Afrika. Ob Storch, Schwalbe oder Gartenrotschwanz – sie fliegen Richtung Sachsen ĂŒber die Ostroute, also den Bosporus und den Balkan. Die Westzieher kommen ĂŒber Gibraltar und Spanien. Und sie alle haben es eilig: Denn auch bei ihnen gilt: Wer zuerst kommt, malt zuerst. Das musste etwa das Storchenweibchen Prinzesschen feststellen. Es kommt aus dem SĂŒden Afrikas, und meist war eine in Spanien ĂŒberwinternde Nebenbuhlerin schneller. In den letzten zehn Tagen hat Prinzesschen stolze 3300 Kilometer bis zum Nordsudan zurĂŒckgelegt. Ihr Tagesrekord liegt bei 466 Kilometern. Die Eile ist berechtigt. 2004 schon hat die spĂ€te Störchin ihren langjĂ€hrigen Partner Jonas an eine frĂŒher ankommende verloren. Das soll ihr dieses Jahr mit dem neuen GefĂ€hrten nicht wieder passieren.
Eilig wie Prinzesschen
Die heimkehrenden Zugvögel halten sich so wie Prinzesschen nicht lange an RastplĂ€tzen auf, gerade genug, um neue Kraft zu tanken. Sie eilen in ihre Brutgebiete, und dort zerstreuen sie sich. Selbst wenn sie mit Ägypten, der TĂŒrkei und dem Balkan LĂ€nder und Regionen ĂŒberqueren, in denen die Vogelgrippe auftauchte – sie schleppen die Krankheit nicht massenhaft ein. Viele Arten scheinen sogar recht unempfĂ€nglich fĂŒr das Virus, anders als HĂŒhner. Selbst auf RĂŒgen leben noch die allermeisten Vögel. Zugvögel werden bei der Ausbreitung der Seuche womöglich ĂŒberschĂ€tzt. Manche Experten weisen darauf hin, dass weltweit mit HĂŒhnerkot als DĂŒngemittel fĂŒr Land- und Fischwirtschaft gehandelt wird – und dort einer der wirklich gefĂ€hrlichen Übertragungswege liegen könnte. Ein Antrag wie ihn Berliner stellten, die Schwalbennester am Haus entfernen wollten, ist jedenfalls völlig absurd.

Die Rauchschwalbe erreicht uns etwas frĂŒhrer als ihre Verwandte, die Mehlschwal- be. Anfang April kommen die Rauchschwalben aus Mittel- und SĂŒdafrika und bauen ihre typischen Nester an WĂ€nden im Innern von StĂ€llen. Sie sind seltener geworden.

Der Gartenrotschwanz kommt im Laufe des Aprils, spĂ€ter als sein Verwandter, der Hausrotschwanz. Er wird wegen der auffĂ€lligen, schönen RotfĂ€rbung oft mit dem Rotkehlchen verwechselt. Sein Bestand ist in den letzten Jahren deutlich zurĂŒckgegangen.

Die Nachtigall trifft Ende April aus Zentralafrika kommend bei uns ein. Der Ă€ußerlich unscheinbar brĂ€un- lich gefĂ€rbte Vogel singt dann im Buschwerk ver- borgen – nicht etwa nur nachts, wie der Name vielleicht vermuten lĂ€sst, sondern auch am Tage.