Fachgruppe Ornithologie Niesky

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Gemeinsame Aufzucht eines MĂ€usebussards (Buteo buteo) und eines Seeadlers (Haliaeetus albicilla) in einem Seeadlernest
Common breeding of Buzzard (Buteo buteo) and White-tailed Eagle
(Haliaeetus albicilla) in a nest of White-tailed Eagle
Jörg Kasper, Ernst-Mirle-Straße 1a, 02906 Klitten; E-Mail:
Joerg.Kasper@web.de
(veröffentlicht: Mitteilungen des Vereins SĂ€chsischer Ornithologen, MĂ€rz 2003 - Band 9, Heft 2 ISSN 0942-7872)

MĂ€usebussard, Foto: H. BlĂŒmel

Im Niederschlesischen Oberlausitzkreis wurden 2002 zwölf Brutpaare des Seeadlers nachgewiesen, fĂŒr zwei weitere Paare bestand Brutverdacht. Mitglieder der Fachgruppe Ornithologie Niesky haben an einem aus grĂ¶ĂŸerer Distanz gut einsehbaren Nest ein außergewöhnliches Ereignis beobachtet. In diesem Nest wurde neben dem eigenen Nachwuchs ein MĂ€usebussard groß gezogen. Beide Jungvögel wurden flĂŒgge. Das MDR-Fernsehen hat am 2.7.2002 im „Sachsenspiegel“ unter dem Titel „Tierliebe zwischen Sachsens grĂ¶ĂŸtem heimischen Raubvogel und einem kleinen Verwandten“ bereits davon berichtet. Hier sollen die Einzelheiten noch einmal geschildert werden. 
Der Brutplatz war ab Ende Februar/Anfang MĂ€rz besetzt. Vom 7.3. an saß das Seeadlerweibchen fest auf dem Nest. Am 16.4. war vermutlich ein Jungvogel geschlĂŒpft, doch konnte erst am 1.5. zweifelsfrei festgestellt werden, dass sich im Nest nur ein junger Seeadler befand. Am 25.5. herrschte eine bisher nicht festgestellte Unruhe. Nachdem ein Altvogel frische Beute gebracht und wieder abgestrichen war, bediente sich der junge Seeadler neben dem zweiten Altvogel schon selbststĂ€ndig mit am Futter. Dann tauchte auf einmal der helle Kopf eines zweiten Jungvogels im Dunenkleid auf. Er wurde sofort vom Altvogel gefĂŒttert. In den folgenden Tagen war es sehr schwierig, dieses Dunenjunge zu beobachten. Es drĂŒckte sich fast immer tief in die Nestmulde. Erst am 10.6. konnte es eindeutig als MĂ€usebussard bestimmt werden. Ab dem 24.6. wurden die ersten Flugversuche des MĂ€usebussards auf dem Nest beobachtet. Am 29.6. wurde dieser auf einer ca. 30 m entfernt stehenden Fichte erstmals außerhalb des Nestes festgestellt. TĂ€glich kam er mehrmals zum Nest zurĂŒck, um sich seine Nahrung zu holen. Der junge Seeadler flog am 3.7. aus. Beide Jungvögel kamen jedoch immer wieder zum Nest zurĂŒck. Der junge MĂ€usebussard und auch das Seeadlerjunge waren an diesem Tag mit Bettelrufen neben den adulten Seeadlern zu beobachten. Vom 4.7. an wurde der junge MĂ€usebussard nicht mehr gesehen. Der junge Seeadler dagegen konnte noch bis Mitte November regelmĂ€ĂŸig mit den beiden Altvögeln in NestnĂ€he beobachtet werden.
Wie der MĂ€usebussard in das Nest des Seeadlers gelangte, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Doch ist dies nicht der erste bekannt gewordene Fall. In Polen sind bei der Beringung von Seeadlern je einmal in zwei und vier aufeinander folgenden Jahren junge lebende MĂ€usebussarde im Nest eines Seeadlerpaares festgestellt worden (Mrugasiewicz 1984, Hussong 1990 mit Fotos). P. Hauff, der sich schon jahrelang mit der Beringung von Seeadlern in Mecklenburg-Vorpommern beschĂ€ftigt, schreibt dazu der Redaktion: „Selber ist mir im vorigen Jahr folgender Fall bekannt geworden. Bei der Beringung ca. sechs Wochen alter Seeadler fanden wir einen wenige Tage alten pulli eines Greifvogels ohne Kopf frischtot im Horst. Von O. Krone (Berlin) wurde bei diesem pulli eine Genanalyse vorgenommen, die einen jungen MĂ€usebussard ergab... Nun meine Gedanken, die ich erst jetzt, nach dem Lesen Ihres Beitrages, anstellen konnte. Uns ist die Nestlingszeit der beiden Arten recht gut bekannt. Nun sind die beiden Jungen jedoch fast gleichzeitig flĂŒgge geworden - sicher der wichtigste Fakt fĂŒr weitergehende Betrachtungen. Nestlingszeit: Seeadler ca. zwölf Wochen, MĂ€usebussard sieben bis acht Wochen. Das schließt aus, dass die beiden Jungen gleichzeitig im Seeadlerhorst geschlĂŒpft sind. Eine weitere BebrĂŒtung des kleineren Bussardeis ĂŒber drei bis vier Wochen darf man wohl berechtigt ausschließen. Dass erbeutete Junge aus fremden Greifvogelhorsten vielleicht in AusnahmefĂ€llen nicht unbedingt getötet werden, sondern in dem fremden Horst eventuell weiterleben, betteln und von den fremden Eltern auf diese Weise mit aufgezogen werden, klingt vielleicht ein bisschen phantastisch, doch scheint es mir plausibel. Ich wĂŒrde diese Gedanken als wahrscheinliche Ursache durchaus fĂŒr berechtigt halten...“. Dieselbe Vermutung teilen auch J. Frölich und W. Baumgart (pers. Mitt. an S. Ernst), die als Greifvogelkenner zu diesem Fall befragt wurden. Letzterer schreibt noch dazu: „Es sind daher meist nur bestimmte, auch die NestrĂ€uberei betreibende Paare, bei denen so etwas gefunden wird“.
W. Spank (pers. Mitt.) berichtet mir noch von einem anderen Seeadlerpaar in der Oberlausitz, das ebenfalls ĂŒber mehrere Jahre hinweg junge MĂ€usebussarde als Beute ins Nest trug. Bei diesem Paar im Gebiet Milkeler Heide/Raudener Teiche wurden am 27.5.1996 neben zwei jungen Adlern die Reste eines ca. eine Woche alten MĂ€usebussards im Nest gefunden, am 3.6.2000 neben einem jungen Adler ein noch lebender, ca. zehn Tage alter MĂ€usebussard (von W. Gleichner in ein Bussardnest umgesetzt), am 2.6.2001 neben zwei jungen Adlern die Reste eines MĂ€usebussards und am 24.5.2002 neben wiederum zwei jungen Adlern die Federn von einem MĂ€usebussard. Es handelte sich also wahrscheinlich um ein solches, von W. Baumgart erwĂ€hntes Paar, das sich auf NestrĂ€uberei spezialisiert hatte.
Es sei in diesem Zusammenhang noch auf den Schwarzbrustmilan (Hamirostra melanosternon) - die drittgrĂ¶ĂŸte Greifvogelart Australiens - hingewiesen, der ebenfalls manchmal lebende Beute, und zwar vor allem Graubartfalken (Falco cenchroides) und Habichtfalken (F. berigora) in sein Nest trĂ€gt und gelegentlich mit den eigenen Jungen aufzieht (J. Cupper 1977, L. Cupper 1995).

FĂŒr die Mitteilung ihrer Beobachtungen danke ich Friedhard Förster (Förstgen), Ernst-Hartmann Gottschlich (Horka), Werner Klauke (Dauban) und Wilfried Spank (Boxberg), fĂŒr fördernde Diskussion und Bereitstellung von Literatur Joachim Frölich (GrĂŒna) und Dr. Wolfgang Baumgart (Berlin), fĂŒr konstruktive Hinweise bei der Erstellung des Manuskriptes Peter Hauff (Neu-Wandrum) und Stephan Ernst (Klingenthal).

 Literatur
 Cupper, J. (1977): Black-breasted Buzzards rearing and preying on Kestrels simultaneously. - Austr. Bird Watcher 7, 69-73.
Cupper, L. (1995): Ungewöhnliche Bruten des australischen Schwarzbrustbussards (Hamirostra melanosternum). - Greifvögel u. Falknerei 1995, 80-81.
Hussong, H. K. (1990): Gemeinsame Brut von Seeadler und MÀusebussard im Adlerhorst. - Greifvögel u. Falknerei 1990, 126.
Mrugasiewicz, A. (1984): Buzzard/Buteo buteo/brood parasitism on White-tailed Eagle/Haliaeetus albicilla. - Dolina baryczy 3, 54-56.